Mit der Beteiligung von ZENERGIE an SEtrade treiben die Stadtwerke Wunsiedel den regionalen Energiemarkt voran
Erneuerbare Energien dort handeln und verbrauchen, wo sie erzeugt werden, und das rund um die Uhr – davor schrecken viele kommunale Versorger noch zurück. In Wunsiedel rückt ein solcher regionaler Energiemarkt immer näher: Mit dem „Wunsiedler Weg“ verknüpfen die Stadtwerke Wunsiedel (SWW) Erzeuger, Speicher und Verbraucher vor Ort. Einen wichtigen Baustein dafür liefert nun die ZENERGIE GmbH, eine Tochter der SWW und des Unternehmens ZENOB, mit einer Beteiligung an dem Unternehmen SEtrade. Deren KI-gestützte Plattform prognostiziert für das entstehende Regionalwerk Erzeugung und Verbrauch, steuert Anlagen und bringt überschüssige oder benötigte Energie an den Strommarkt. Seit Anfang September ist die Beteiligung im Zuge einer Kapitalerhöhung im Handelsregister eingetragen. Das Beratungsunternehmen Sterr-Kölln & Partner begleitet die Umsetzung des Vorhabens Regionalwerk in ein belastbares Geschäftsmodell strategisch und rechtlich.
Windenergie- und Photovoltaikanlagen erzeugen Strom abhängig vom Wetter. Haushalte und Unternehmen richten ihren Verbrauch dagegen meist noch nicht danach. Je mehr erneuerbare Energien in das Stromsystem kommen, desto wichtiger wird deshalb die Frage: Wie lassen sich Erzeugung und Verbrauch besser aufeinander abstimmen? Und das innerhalb der Region?
Wunsiedler Weg weiterentwickeln
In Wunsiedel beschäftigt man sich damit schon seit vielen Jahren. Die Stadtwerke Wunsiedel (SWW) verfolgen das Ziel, Energie möglichst regional zu erzeugen und auch vor Ort zu nutzen. Dabei geht es nicht allein um den Bau von Windrädern, Photovoltaikanlagen oder Speichern. Entscheidend ist, die einzelnen Bestandteile zu einem gemeinsamen Energiesystem zu verbinden.
Aus diesem Grundgedanken haben die Stadtwerke die Architektur für ein sogenanntes Regionalwerk entwickelt. Die energiewirtschaftliche Umsetzung übernimmt die ebenfalls in Wunsiedel ansässige ZENERGIE GmbH. Einen wichtigen Baustein für das Regionalwerk hat sich ZENERGIE nun über eine Beteiligung gesichert: Seit September ist das Unternehmen Anteilseigner an der Münchner SEtrade GmbH. SEtrade betreibt eine digitale Plattform, die Erzeuger, Verbraucher und Speicher zusammenführt und deren Zusammenspiel optimiert.

KI optimiert Steuerung des Gesamtsystems
Das System prognostiziert im Viertelstundentakt, wie viel Energie beispielsweise Wind- und Solaranlagen erzeugen werden, wie hoch der Verbrauch voraussichtlich sein wird und welche Kapazitäten Speicher bieten. Auf dieser Grundlage kann entschieden werden, wann Energie genutzt, gespeichert und an unterschiedlichen Strommärkten gehandelt werden soll oder wann fehlende Mengen beschafft werden müssen. Zur Optimierung setzt SEtrade künstliche Intelligenz ein.
Die Steuerung kann dazu beitragen, vorhandene Netze besser auszulasten sowie Lastspitzen und Rückspeisungen zu verringern. Damit folgt das Konzept des Regionalwerkes einem zentralen Gedanken: Dezentrale Strukturen sollen nicht gegen das Netz arbeiten. Vielmehr sollen Erzeugung, Verbrauch, Speicher und Netze so intelligent miteinander verbunden werden, dass das Gesamtsystem effizienter arbeitet. Dabei betrachtet die Plattform nicht nur den Stromsektor. Auch Wärme, Elektromobilität und industrielle Lasten können einbezogen werden.
Ziel: Ein Regionalwerk – Blaupause auch für andere
Für das Regionalwerk entsteht so die Möglichkeit, mehr regional erzeugte Energie vor Ort zu nutzen, ohne selbst die dafür digitale Infrastruktur entwickeln zu müssen. Für Haushalte und Unternehmen sollen flexiblere Angebote, planbarere Energiekosten und ein höherer Anteil regional erzeugter erneuerbarer Energie möglich werden.
„Dezentralität schafft wirtschaftlichen Nutzen, wenn Erzeugung, Verbrauch, Speicher und Netze intelligent miteinander verbunden werden. Wir wollen unseren Kunden nicht einfach möglichst billige Energie versprechen. Es geht vielmehr um Planbarkeit, Verlässlichkeit und langfristige Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Marco Krasser, Geschäftsführer der SWW Wunsiedel GmbH. „Die Architektur dafür haben wir aus dem Wunsiedler Weg heraus entwickelt. Mit ZENERGIE und der Beteiligung an SEtrade schaffen wir nun die Voraussetzungen, diese Architektur technologisch und energiewirtschaftlich in den Markt zu bringen. Sterr-Kölln & Partner begleitet uns eng dabei, aus diesem Ansatz ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Dieses strategische und rechtliche Know-how hat uns den Weg zur Beteiligung deutlich vereinfacht.“
Das Geschäftsfeld Regionalwerk könnte auch eine Blaupause für andere sein. Stadtwerke und kommunale Energieversorger können die SEtrade-Plattform unter eigener Marke nutzen. Kundenbeziehung, Preisgestaltung und regionale Verankerung bleiben beim Versorger. SEtrade übernimmt im Hintergrund Beschaffung, Vermarktung, Prognosen, Bilanzkreisführung und Abrechnung.
Beratung wichtig
Sterr-Kölln & Partner berät seit 2024 bei der strategischen Entwicklung des Geschäftsfelds Regionalwerk und kümmert sich zugleich um die damit verbundenen Rechtsfragen. Aufbauend auf der von SWW entwickelten Architektur unterstützte das Beratungsunternehmen SWW und ZENERGIE bei der wirtschaftlichen und rechtlichen Konkretisierung des Modells sowie bei der Auswahl eines Partnerunternehmens, das die erforderliche Technologie und den Zugang zum Energiehandel einbringt. Im Zuge der Beteiligung an SEtrade strukturierte das Beratungsteam von Sterr-Kölln & Partner die Finanzierung und begleitete die Transaktion über sämtliche Phasen hinweg.
„Für kommunale Versorger ist nicht allein die Technologie entscheidend. Geschäftsmodell, Partner und Beteiligungsstruktur müssen zusammenpassen. Unsere Aufgabe war es gemeinsam mit SWW und ZENERGIE die bereits vorhandene energiewirtschaftliche Architektur in tragfähige wirtschaftliche, rechtliche und gesellschaftsrechtliche Strukturen zu überführen“, sagt Heribert Sterr-Kölln von Sterr-Kölln & Partner. „Wir verstehen uns dabei als Partner, der hilft, diese Architektur wirtschaftlich und rechtlich belastbar umzusetzen.“
Die Beteiligung an SEtrade ist nicht der Abschluss, sondern ein vorläufiger Schlusspunkt einer regionalen Erfolgsgeschichte. Die SWW und ZENERGIE wollen dieses Konzept gemeinsam mit regionalen Partnern, Erzeugern und Industrie und Gewerbe weiterentwickeln und skalieren. Sterr-Kölln & Partner bleibt dabei strategischer und rechtlicher Begleiter der Umsetzung.
